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07. APRIL 2020

Netze mit sehr hoher Kapazität - der neue Maßstab?

VHC-Netze

Der Europäische Kodex für die Elektronische Kommunikation (EKEK) hat einen neuen zentralen Begriff in das System der TK-Regulierung eingeführt. Künftig werden Netze mit sehr hoher Kapazität (very high capacity networks, kurz VHC-Netze) eine wichtige Rolle in vielen Bereichen der Breitbandpolitik spielen. Im EKEK selbst findet sich etwa eine Bezugnahme auf VHC-Netze bei den Vorgaben über Regulierungserleichterungen bei Ko-Investment Modellen. Aber auch im Bereich der Breitbandförderung bietet sich künftig ein Abstellen auf die neue Netzkategorie an. In Deutschland verwendet der Entwurf des Wohnungseigentumsmodernisierungsgesetzes den Begriff erstmals. Hiernach soll der Ausbau von VHC-Netzen in Wohnungseigentumsgemeischaften künftig nicht mehr unter dem Vorbehalt der Zustimmung aller Eigentümer stehen.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Relevanz des Begriffs ist es wichtig zu klären, welche Netze sich als VHC-Netze qualifizieren. Der TK-Kodex selbst legt fest, dass dafür die Leistungsfähigkeit von sog. Referenznetzen als Maßstab heranzuziehen ist. Als VHC-Netze gelten danach die Referenznetze und solche, die eine vergleichbare Leistungsfähigkeit aufweisen. Im Festnetz sind Referenznetze TK-Netze, bei denen die Glasfaser bis zum Gebäude reicht (FTTB). Im Mobilfunk bestehen Referenznetze aus mit Glasfaser angebundenen Basisstationen. Das Gremium der europäischen TK-Regulierungsbehörden GEREK arbeitet derzeit an der Katalogisierung der relevanten Leistungsparameter und wird diese bis Ende 2020 in Leitlinien veröffentlichen.

In seinem Leitlinienentwurf stellt GEREK zunächst fest, dass FTTB-Netze immer VHC-Netze sind, unabhängig davon, welche Technik im Haus vorhanden ist und welche Leistung sie tatsächlich erbringen können. Bei der Ermittlung der von anderen Netzen zu erfüllenden Parameter stellt GEREK hingegen auf eine Kombination von FTTB und den nach heutiger Technik leistungsfähigsten Inhaus-Netzen ab, nämlich G.fast- und DOCSIS 3.1-Netze. Das führt dazu, dass die Messlatte für andere als FTTB-Netze sehr hoch liegt. Die von GEREK gewählte Methodik wirft hier und an anderen Stellen verschiedene Fragen auf. 

Die ANGA wird sich umfassend zu dem Leitlinien-Entwurf positionieren. Viel wichtiger als die vom GEREK in den Vordergrund gerückte Frage nach theoretischen Leistungsparametern ist aus Sicht der ANGA, was Netze in der Praxis tatsächlich leisten (können). Bei VHC-Netzen kommt es vor allem auf eine Prognose an, welche Dienste künftig über Breitbandnetze nachgefragt werden. Im privaten Bereich geht es hierbei insbesondere um Video- und Gaming-Content, im beruflichen Kontext sind die Anwendungen mannigfaltig und reichen von Telemedizin bis zu Holographie.

Die Netzbetreiber der ANGA verstehen sich schon heute als VHC-Netzbetreiber. Sie betreiben hybride Glasfaser-Koax-Netze (HFC-Netze), Netze mit Glasfaser bis ins Haus oder sogar in die Wohnung (FTTB/H) und moderne Mobilfunknetze der 4. Generation bzw. künftig im 5G-Standard. Alle diese Netze weisen bereits heute einen hohen Glasfaseranteil auf. Im Festnetzbereich können die HFC-Netze es dabei ohne Weiteres mit den FTTB/H-Netzen in Sachen Leistungsfähigkeit aufnehmen.

Foto: Leon Seibert auf Unsplash